Lebensmittelpreise verzeichnen größten Anstieg seit zehn Jahren

Lebensmittelpreise verzeichnen größten Anstieg seit zehn Jahren

Die globalen Preise für Nahrungsmittel steigen rasant. Zwischen Mai 2020 und April 2021 verteuerten sich Lebensmittel um rund 25 % – dieser Zuwachs übertrifft alle jährlichen Steigerungen im vergangenen Jahrzehnt deutlich. Für viele Menschen auf der Welt verschlechtert sich damit die Versorgungslage, Hunger wird zu einer zunehmenden globalen Gefahr. 

In einer aktuellen Studie beschäftigen sich drei Autoren des Internationalen Währungsfonds mit dieser Thematik und weisen auf die immensen Auswirkungen der Corona-Pandemie hin. Ihre Untersuchung betiteln Christian Bogmans, Andrea Pescatori und Ervin Prifti mit „Food (in)security: A potentially unterrated collateral damage of the pandemic.“ Laut den Wissenschaftlern verursacht eine Kombination aus stark steigenden Lebensmittelpreisen und gesunkenen Haushaltseinkommen eine akute Hungerkrise. Das bestätigen Zahlen der Vereinten Nationen, die für 2020 eine Verdopplung unterernährter Menschen auf 265 Millionen angeben. 

Preisexplosion bei Lebensmitteln während der Corona-Pandemie

Der ungewöhnliche Anstieg der Nahrungsmittelpreise lässt sich nach Angaben der Autoren auf verschiedene Faktoren zurückführen – alle hängen unmittelbar mit der Corona-Krise zusammen. Als besonders bedeutend betrachten sie logistische Probleme und die vorübergehende Unterbrechung von Lieferketten. Zudem fehlten landwirtschaftlichen Betrieben und Firmen der Nahrungsmittelindustrie vielerorts Arbeitskräfte, hier machten sich die staatlichen Einschränkungen und die hohe Anzahl an Covid-Erkrankten bemerkbar. In der Folge sank das Angebot an Lebensmitteln und die Preise stiegen. Diese Auswirkungen dürften noch längere Zeit anhalten. Die Kosteneffekte sind international aber unterschiedlich: Einen weit überdurchschnittlichen Anstieg stellen die Autoren der Studie in wirtschaftlichen ärmeren Ländern und Regionen wie Afrika und dem Iran fest. Sie verweisen auf Daten des Welternährungsprogramms: So liegt die aktuelle jährliche Inflationsrate bei Nahrungsmitteln in Zentral- und Westafrika bei etwa 40 % und im Iran bei über 50 %.

Katastrophale Folgen in Entwicklungsländern: Menschen hungern 

Die UN verfolgt beim Kampf gegen Unterernährung ein ambitioniertes Ziel: Sie will Hunger bis zum Jahr 2030 besiegen. Das ist das zweite der insgesamt 17 Entwicklungsziele, welche die internationale Organisation in absehbarer Zeit erreichen will. Die ökonomischen Folgen der Pandemie gefährden dieses Ziel. Die IWF-Wissenschaftler gehen davon aus, dass Corona den Bemühungen gegen Hunger um ein Jahrzehnt zurückwerfen könnte. Diese Prognose beruht auf der Annahme, dass steigende Lebensmittelpreise und sinkende Einkünfte kein vorübergehendes Phänomen darstellen. Die Autoren befürchten negative Effekte über mehrere Jahre. Diese pessimistischen Einschätzungen teilen auch verschiedene Ökonomen. Industriestaaten können dank umfangreicher Konjunkturprogramme eine schnelle wirtschaftliche Erholung realisieren – Entwicklungsländern fehlen dafür die finanziellen Ressourcen. 

Was bedeutet der Preisanstieg für Verbraucher in Europa? 

Auch in der EU und in weiteren europäischen Ländern wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Lebensmittelpreise aus. Es gibt im Vergleich zu anderen Weltregionen aber zwei beträchtliche Unterschiede: Erstens hält sich der Preiseffekt durch Corona in überschaubaren Grenzen. In Deutschland sowie in Österreich lag die Inflationsrate für Nahrungsmittel 2020 bei jeweils 2,4 % und damit wesentlich unter dem globalen Wert von 25 %. Preistreiber in beiden Ländern waren Obst und Fleisch – so verteuerten sich diese beiden Produktgruppen in Deutschland um 7,1 % und 6,1 %. Trotz dieser Ausreißer nach oben sind Lebensmittel in Europa weiterhin für die meisten Menschen bezahlbar. Das liegt auch am zweiten Unterschied: Die sozialen Sicherungssysteme auf dem europäischen Kontinent verhindern zuverlässig Hungerkrisen wie in Entwicklungsländern. 

Experten fordern bessere soziale Absicherung weltweit

Hierin liegt laut Studienautoren ein wichtiger Ansatz: Sie fordern, die Weltbevölkerung in allen Ländern besser gegen Hungerkrisen zu schützen. Der Ausbau des Sozialstaats für einkommensschwache Haushalte ist für sie die nahe liegende Lösung im Kampf gegen Unterernährung. Detaillierte Vorschläge fehlen in diesem wissenschaftlichen Artikel jedoch. Die Umsetzung dürfte teilweise schwierig sein, weil die Sozialpolitik im Verantwortungsbereich der einzelnen Nationalstaaten liegt. Eine effektive Maßnahme gegen die akute Hungerkrise wäre die bessere finanzielle Ausstattung des Welternährungsprogramms. Die Verantwortlichen dieser UN-Institution bitten seit Langem um eine umfangreichere Finanzierung ihrer Aktivitäten. Auch diverse UN-Initiativen wie die Unterstützung von Kleinbauern können gegen Unterernährung helfen.

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