Das Schwert des Damokles – die Gefahren des Börsenhypes

Das Schwert des Damokles – die Gefahren des Börsenhypes

Nichtprofessionelle Kleinanleger stürmen den Börsenhandel. Was als Revolution geplant, war, um das Aktienvermögen zu demokratisieren, dürfte sich mit großer Wahrscheinlichkeit als Bumerang herausstellen – und der trifft alle Marktteilnehmer.

Die Kurse kleiner und nur wenig bekannter Aktiengesellschaften vollführen bizarre Sprünge, die Anzahl der über Neo-Broker aktiven Anleger stieg drastisch an: Kleinanleger ohne jegliche Vorkenntnisse krempeln die Finanzmärkte um. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres registrierten sich mehr als zehn Millionen neue Trader, insgesamt flossen in dieser Zeit 140 Milliarden US-Dollar netto von den Konten der Kleinanleger auf den Aktienmarkt – das sind 33 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und das Sechsfache des ersten Halbjahres 2019. Damit verdoppelte sich der Anteil der Kleinanleger am relevanten Börsenvolumen auf mehr als 20 Prozent. Dieser Trend zeichnet sich auch in Deutschland ab, hier betätigten sich im Jahr 2020 12,7 Millionen Personen am Börsenhandel, was einen Zuwachs von 28 Prozent ausmacht. Wie ist diese Entwicklung einzuordnen?

Neo-Broker, niedrige Zinsen und Lockdown

Robinhood, E*Trade, Trade Republic, Gratisbroker & Co. – Sie alle zählen zu den Neo-Brokern, die weitestgehend auf die Gebühren für Wertpapier-Käufe und -Verkäufe verzichten. Mit einfachen Benutzeroberflächen und intuitiver Handhabung können auch Laien im Handumdrehen an der Börse handeln – und was bleibt noch übrig angesichts der seit Jahren extrem niedrigen Zinsen? Nicht zuletzt deswegen raten ja viele Anlage-Spezialisten zu Aktien und anderen spekulativen Wertpapieren. Kombiniert mit der freien Zeit, die viele Anleger im Zuge der pandemiebedingten Schließungen für sich zur Verfügung hatten, ist der Weg bis zum Spekulieren an den Aktienmärkten nicht mehr weit. 

Wie die Deutsche Bank in einer Umfrage ermittelte, sollten in den USA rund 40 Prozent der staatlichen Corona-Unterstützungszahlungen an die Börse fließen – und das dürften rund 170 Milliarden US-Dollar sein. Die Tatsachen scheinen dies zu belegen: Für den Juni meldete das Wall Street Journal einen Zufluss von 28 Milliarden US-Dollar – und das von Individualinvestoren. Allein die vom Neo-Broker Robinhood verwalteten Kundenkonten umfassen rund 80 Milliarden US-Dollar. Bei 18 Millionen Kunden (Stand Ende März 2021) ergibt sich ein durchschnittlicher Kontostand von 3.500 US-Dollar. Hier haben die Akquise-Strategien gefruchtet: Meist werden kleine Aktiengeschenke nach dem Prinzip einer Lotterie, aber auch Prämien für die Anwerbung von Neukunden und attraktive Kreditzinsen geboten. Es wird alles getan, um den Kleinanlegern das Gefühl zu vermitteln, ausgesprochen clever die Profis schlagen zu können.

Viele kleine Beträge – lässt sich das Aktienvermögen so demokratisieren?

Auch die unteren Bevölkerungsschichten sollten von den steigenden Aktienkursen profitieren – so wurde ein starker Run auf die sogenannten Neo-Broker Ende 2019 ausgelöst. Doch, wie steht es um die Demokratisierung? Geht das Konzept auf? Die klare Antwort: Nein! Nach wie vor besitzt die untere Hälfte der US-amerikanischen Bevölkerung nur einen Bruchteil des Aktienvermögens: von rund 200 Aktien gerade mal eine! Dem einen Prozent an der Spitze der Bevölkerung gehören hingegen 20.000 Milliarden US-Dollar in Aktien – die untere Hälfe gerade einmal 210 Milliarden US-Dollar. Die Idee hat gezündet, doch sie ging nicht auf, im Gegenteil, sie kann noch dramatische Folgen haben.

Neo-Broker haben einen weiteren Zustrom von Kapital an die Börsen initiiert, der wiederum die Aktienkurse befeuert hat. Lag das Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P500 am 1. Januar 2020 noch unter 25, ist es bis zum April 2021 auf 44 gestiegen – Tendenz weiter steigend. Mit einem Wort: Aktien sind derzeit so teuer, wie es in der US-Geschichte – bis auf eine kurze Ausnahme während des Gewinneinbruchs im Zuge der Finanzkrise 2009 – noch nie vorgekommen ist. Es lässt sich also nicht von der Hand weisen, dass sich hier eine enorme Blase gebildet hat. Auch das ist keineswegs neu.

Fatale Parallelen zu 2007 – Vorsicht ist geboten

Ganz nüchtern betrachtet: Die Neo-Broker werben immer neues Geld ein, das die Kurse weiter antreibt – und die Blase zum Platzen bringen wird. Der Gedanke an die US-Immobilienblase, die sich bis 2007 gebildet hatte, drängt sich geradezu auf: Auch damals hieß es, die unteren Bevölkerungsschichten sollten am Immobilieneigentum und den steigenden Preisen partizipieren. So stieg die Eigentumsquote seit Ende 1998 bis 2005 in den USA von weniger als 66 auf mehr als 69 Prozent. Die Immobilienkrise drückte sie wieder auf 63 Prozent, Anfang 2020 lag sie immerhin wieder bei 65 Prozent. Unter dem Strich hat sich die Situation also verschlechtert.

Was folgt daraus? Auch das hochprofessionelle Marketing der Neo-Broker kann nicht verhindern, dass es wohl eine ähnliche Entwicklung geben wird. Unerfahrene Kleinanleger können die Dinosaurier unter den Investoren nicht ausstechen, auch dieses Kartenhaus wird einstürzen. Zu befürchten steht allerdings, dass die unvermeidliche Korrektur durchaus stärker ausfallen könnte. Letztendlich ziehen einstürzende Finanzmärkte erfahrungsgemäß auch die Realwirtschaft mit. Bei diesen schlechten Aussichten ist in jedem Fall Vorsicht geboten.

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